Mit allen Sinnen bewegen: Ein Gespräch über Bewegung & Gehirn
Neuroathletiktraining – schon mal gehört? Viele Interessierte fragen mich, was genau dahintersteckt. In diesem Gespräch mit einem Neukunden nehme ich dich mit auf eine spannende Reise ins Zusammenspiel von Gehirn, Nervensystem und Bewegung. Und du wirst sehen: Neuroathletik ist nicht nur etwas für Profisportler, sondern für alle, die sich besser, stabiler und schmerzfreier bewegen möchten.
👉 Stellschrauben für Bewegungsqualität
In unserem Erstgespräch stellte der Kunde folgende Frage: Marion, erklär doch mal, was ist denn das eigentlich, „Neuroathletiktraining“?
Ich: Neuroathletiktraining ist ein Trainingskonzept, das die Wirkweise des Gehirns und des Nervensystems in die Trainingsgestaltung miteinbezieht. Das „Neuro“ steht dafür, dass gute Bewegung immer auch Kopfsache ist. Es geht nicht nur um Wiederholungen oder Intensität – sondern darum, ob du eine Bewegung präzise ausführst oder stolperst, ob du ins Tor oder daneben triffst, ob Muskeln geschmeidig mitarbeiten oder verspannen. Das Gehirn spielt eine zentrale Rolle bei Haltung, Stabilität und Muskelspannung und bei der Koordination und Feinjustierung. Mit der Neuroathletik kann man an diesen und noch weiteren Stellschrauben drehen.
Kunde: Spannend. Aber wie funktioniert das?
Ich: Indem wir den Input für das Gehirn verbessern. Das Gehirn kommuniziert über Nervenleitungen mit Muskeln, Gelenken und dem Bewegungsapparat. Wenn die Informationen, die es erhält, klarer und vollständiger sind, kann es Bewegungen präziser steuern, Muskelspannung besser anpassen und die Qualität der Bewegung steigt deutlich.
👉 Input verbessern, what?
Kunde: Input verbessern? Systematik? Ich versteh grad nur Bahnhof.
Ich: Ok, ich spreche wohl noch in Rätseln, schmunzel. Stell dir vor, du bist Kapitän eines Schiffs – das Gehirn sitzt auf der Brücke. Trotz guter Ausbildung brauchst du Daten aus dem Bordcomputer, Karten und Navigationsinstrumente, um zu steuern. Der Input entscheidet, ob du sicher durch Untiefen navigierst oder die Orientierung verlierst.
Genauso arbeitet unser Gehirn: Es nutzt drei „Navigationssysteme“ – Gleichgewicht, visuelles System und taktiles System. Diese liefern die Daten, mit denen Bewegungen geplant und gesteuert werden. Sie unterstützen, uns gegen die Schwerkraft aufzurichten, Stabilität zu halten, Muskelspannung anzupassen und Bewegungen exakt zu kalkulieren.
Kunde: Ha, das leuchtet mir ein. Klingt aber schon komplex.
Ich: Ist es auch – aber systematisch und damit handelbar. Ich erklär das später noch genauer.
Und nun kommen wir zu unserem Schiffsbeispiel zurück. Stell dir vor, dein Bordcomputer spinnt oder dichter Nebel zieht auf. Was machst du? Langsamer fahren, vorsichtiger steuern, vielleicht sogar anhalten.
Unser Gehirn reagiert genauso: Wenn der Input aus den Systemen nicht ausreicht, schränkt es Bewegungen ein, um uns zu schützen. Das zeigt sich oft in zu hoher Muskelspannung (Klassiker: „steifer Nacken“), zu geringer Spannung oder sogar Schmerzen. Die Bewegungsqualität leidet, das ist klar. Und genau hier setzt Neuroathletiktraining an: mit Übungen und Maßnahmen zur Verbesserung des Inputs.
Kunde: Das mit den Verspannungen kenne ich. Und auch, dass ich seit einiger Zeit eher langsam tue. Mein Gleichgewicht ist nicht zum besten bestellt. Ehrlich gesagt traue ich mich nur noch mit Unbehagen auf eine Leiter. Und manchmal fühle ich mich einfach „ungelenk“. Aber was kann ich denn da tun?
Ich: Das Gleichgewicht ist ein ganz prominentes Thema im Neuroathletiktraining. Da können wir mehr tun als nur die klassischen Gleichgewichtsübungen. Wir nutzen das Wissen über die Zusammenarbeit von Gehirn und Bewegungsapparat und leiten daraus spezielle Übungen ab, die den Input für dein Gehirn verbessern. Das sind quasi Warm-up-Übungen, die den Feedback-Loop zwischen Gehirn und den „Navi-Systemen“ deines Körpers optimieren. Darf ich ein bisschen ausholen, um dir die Methodik und Hintergründe anschaulich zu erklären?
Kunde: Ja, schieß los!
👉 Die Neuro-Systeme sind unser Navigationssystem
Ich: Wir haben drei Systeme, die unsere Bewegung steuern – Gleichgewichtssystem, visuelles System und taktiles System.
Ich fange mit dem Gleichgewichtssystem an, das ist ja gerade dein brennendes Thema. Was viele nicht wissen: Unser Gleichgewicht richtet uns nicht nur gegen die Schwerkraft auf, es sorgt für Haltung, Koordination und Orientierung im Raum. Es nimmt lineare Bewegungen und Drehungen wahr und meldet sie ans Gehirn. Ohne den Gleichgewichtssinn könnten wir uns nicht aufrecht bewegen. Dafür haben wir links und rechts im Innenohr je ein Gleichgewichtsorgan, das unserem Gehirn mitteilt: Wo ist oben, wo unten, und in welche Richtung bewege ich mich? Und es stabilisiert unseren Blick bei all diesen Bewegungen – sonst würde uns ständig schwindelig werden.
Dann komme ich zu unseren Augen, dem visuellen System. Es arbeitet eng mit dem Gleichgewicht zusammen. Unsere Augen liefern Bilder und über Nervenleitungen Informationen darüber, wo wir sind und was um uns herum passiert. Du hast bestimmt auch schon die Erfahrung gemacht, dass es schwieriger ist, im Dunkeln durch ein Hotelzimmer zu gehen. Die Augen und deren gute Funktion sind enorm wichtig für Bewegungsqualität.
Und zu guter Letzt will ich noch kurz das taktile System erläutern. Dieses System umfasst die innere Wahrnehmung (Propriozeption – unser „6. Sinn“) und die äußere Wahrnehmung über die Haut. Eine große Menge Rezeptoren in Gelenken, Muskeln, Sehnen und Bändern melden dem Gehirn ständig unsere Position und Bewegung. Druck, Vibration oder Berührung liefern zusätzliche Informationen. Für jedes dieser Systeme lässt sich der Input gezielt verbessern, z.B. durch Massieren oder Abklopfen.
👉 Neuroathletik in der Praxis
Kunde: Puh, ganz schön viele Infos. Wie sieht das denn praktisch aus?
Ich: Springen wir in die Praxis. Bei einer Kundin fiel mir auf, dass ihre rechte Hüfte „unrund“ bewegt wurde. Nach Tests nutzte ich eine Neuroathletik-Übung: Hüftkreisen mit dem rechten Bein, kombiniert mit einem Vibrationsmassagegerät. Die Bewegung wurde sofort geschmeidiger. Wir haben die Vibration dann in ihre tägliche Routine eingebaut – ein Beispiel für das taktile System und die Außenwahrnehmung.
Kunde: Und woher weißt du, welche Übung passt?
Ich: Neuroathletik folgt einer Systematik, die man erlernen muss: Dysbalancen, Beschwerden oder Problemstellungen lassen sich i.d.R. bestimmten Hirnarealen und Systemen zuordnen. Gleichzeitig gilt das Prinzip „Testen – Tun – Testen“ (TTT). Jeder Mensch reagiert anders, hat ein einzigartiges Nervensystem. Oft klappt es gleich beim ersten Versuch, manchmal braucht es mehrere Runden. Geduld ist hier Gold wert.
Kunde: Bedeutet das, Neuroathletik ersetzt Kraftübungen?
Ich: Keinesfalls. Neuroathletik ersetzt weder Kraft- noch Ausdauertraining, auch nicht Gleichgewichts- oder Koordinationsübungen. Sie ergänzt das Training durch spezielle Neuro-Übungen – quasi das Warm-up unserer drei beschriebenen „Navi-Systeme“.
Kunde: Klingt spannend! Wie baust du das in deine Trainingspläne ein?
Ich: In der Anamnese klären wir Ziele und Rahmenbedingungen. Dann teste ich nicht nur Kraft und Beweglichkeit, sondern auch das Gleichgewichtssystem, das visuelle und das taktile System. Auf dieser Basis entwickeln wir gezielte Übungen, die Defizite ausgleichen und den Input verbessern. Das führt zu mehr Beweglichkeit, Stabilität, Leistung und Koordination – oft auch zu weniger Schmerzen. Im Verlauf unseres Personal Trainings binde ich diese Übungen systematisch ins die Trainingsstunden ein, sodass Gehirn und Wahrnehmungssysteme immer mittrainiert werden.
👉 Neuroathletik nur für Athleten?
Kunde: Und was hat es mit „Athletiktraining“ im Begriff auf sich? Klingt nach Leistungssport – das will ich nicht.
Ich: Keine Sorge. Neuroathletiktraining ist für jede Person eine Unterstützung beim Training – egal, ob du Leistungssport betreibst oder Breitensport oder Gesundheitssport.
Der Begriff stammt historisch aus dem Leistungssport. In Deutschland wurde Neuroathletik durch Lars und Ulla Lienhard bekannt, die ab 2010 mit diesem Ansatz im Spitzensport arbeiten. Und ursprünglich kommt er aus den USA, wo Eric Cobb Anfang der 2000er Jahre Athletiktraining mit Neurowissenschaften verknüpfte.
Wie gesagt: Heute geht Neuroathletik weit über den Leistungssport hinaus. Sie hilft jedem Menschen, sich besser und schmerzfreier zu bewegen. Deshalb spricht man heute oft auch von neurozentriertem Training. Die Anwendungsgebiete reichen von Leistungssteigerung über Gleichgewichtsverbesserung bis zur Schmerzreduktion. Auch Menschen mit typischen Alltagsbeschwerden wie Haltungsproblemen, Rücken- oder Kniebeschwerden profitieren davon.
Mein Schlussgedanke für dich: Neuroathletiktraining ist kein kompliziertes Geheimnis, sondern ein klarer Weg zu mehr Beweglichkeit, Stabilität und Leichtigkeit. Wenn du neugierig geworden bist: Probier es aus – dein Körper und dein Kopf werden es dir danken.

